Räume bilden und erziehen

Räume erziehen mit

Erziehung findet nicht ausschließlich im unmittelbaren Kontakt zwischen Erwachsenen und Kindern statt. Die räumliche Umgebung beeinflusst erheblich mit. Räume können behindern und fördern, können gute Absichten zunichte machen oder unerwartete Entfaltungsmöglichkeiten produzieren. Die Kindertagesstätte, die Schule, der Spielplatz, das Haus der Offenen Tür usw. sind Orte, an denen mit Absicht, Ziel und Methode gehandelt wird. Die dort tätigen Mitmenschen sind pädagogisch aktiv und diese Orte dienen oft ausschließlich dazu, Kinder zu erziehen; Mehrfachnutzungen sind nicht vorgesehen. In diesem „Schonraum“ für Kinder findet nur in wenigen

Ausnahmen etwas anderes statt: z.B. ein Sommerfest für Familien, ein Elternabend, ein nicht gewünschter Jugendtreff nachts auf dem Spielgelände etc.. Orte für Kinder sind also fast ausschließlich pädagogische Räume. Wir müssen davon ausgehen, dass jede Umgebung und jeder Raum mit einer oder mehreren Absichten gestaltet wurde. In aller Regel sind es nicht erzieherische Absichten, zumindest decken sich die Absichten der „Raumgestalter“ nicht immer mit den pädagogischen Absichten der ErzieherInnen. Es entstehen oft Widersprüche, Brüche und entgegengesetzte Wirkungen. Manche von uns Pädagoginnen und Pädagogen akzeptieren ihre Umgebung und ihre Räume unbedacht. Wir nehmen hin, was uns vorgesetzt wird. Andere haben bemerkt, dass das Raumangebot und die dahinter stehenden Absichten sich nicht mehr mit ihren Zielen decken. Diesen, oft unzufriedenen Mitmenschen, empfehle ich weiterzulesen. Aber Vorsicht – auch hinter den folgenden Vorschlägen stecken Absichten und nicht jeder praxisbezogene Tipp ist theoretisch ausführlich begründet. Wer kritisch den eigenen pädagogischen Raum betrachtet, wird recht schnell den Wunsch nach Veränderungen verspüren. Gleichzeitig kommen jedoch eine Reihe von Problemen ins Blickfeld, die das Handeln erst einmal gründlich in Frage stellen. Bevor wir nun in den Alltag des Kindergartens eintauchen, möchte ich auf etwas allgemeinere Fragen eingehen.

 

Wie beschreiben wir Räume?

Hier wollen wir nicht nach physikalischen Merkmalen (Höhe, Breite, Länge) fragen, sondern nach psychologischen Wirkungen. Wie nehmen wir Räume wahr?

Wichtig ist die Menge der Informationen, die der Raum enthält. Je mehr Informationen der Raum enthält, um so reizstärker ist er. Hier folgt nun eine Liste von Raumeigenschaften, mit denen ein Raum beschrieben werden kann.

reizarm – reizstark

einfach – vielfältig

gleichförmig – abwechslungsreich

spärlich – dicht

ähnlich – kontrastreich

gleichmäßig – lückenhaft

leer – überfüllt

symmetrisch – asymmetrisch

ruhig – bewegt

geordnet – zufällig

Neben dieser räumlichen Beschreibung ist auch eine zeitliche Komponente (die Neuartigkeit) bei der Raumwahrnehmung wichtig:

reizarm – reizstark

gewohnt – ungewohnt

bekannt – neuartig

wahrscheinlich – unwahrscheinlich

gewöhnlich – selten

 

Wenn Räume beschrieben werden sollen, kombinieren wir also Komplexität und Neuartigkeit. Wir nehmen einen ungewissen, ungewohnten Raum als reizstärker wahr. Der Mensch gewöhnt sich nach und nach auch an sehr reizstärke Räume; sie werden mit der Zeit reizärmer. Ein großer Bahnhof ist beim ersten Mal ein unüberschaubarer, mit vielen Reizen ausgefüllter Raum. Nach fünf Jahren täglicher Fahrt zur Arbeit kennt man jeden Stein, viele Gesichter sind jetzt vertraut. Menschen, die schon lange eine Einrichtung besuchen, erleben weniger Abenteuer.

 

Wie wirken Räume auf Menschen?

Die Gefühle sind oft das verbindende Glied zwischen den Räumen und dem menschlichen Verhalten. Bei sehr verschiedenen räumlichen Gegebenheiten führen wenige Gefühle wieder zu sehr vielfältigen     Verhaltensreaktionen:

Räumliche Umwelt

Farben – Licht – Wand – Boden – Möbel – Geräusche – Laufen – Gerüche – Temperatur – Flächen – Tiere – Bilder – Tiere – Witterung – Bilder – Pflanzen usw.

Gefühlsdimension

Erregung – Nichterregung

Lust – Unlust

Dominanz – Unterwerfung

Verhaltensweisen

Schlafen – Krach machen – Toben – Klettern – Dösen – Materialien – Malen – Spielen – Verstecken – Singen – Basteln – Experimentieren – Reden – Waschen usw.

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Erregung bedeutet: angeregt, aktiv, überdreht, aufgeregt, wach, bewegt, angespannt, annähern, meiden, aufmerksam usw.

Nichterregung bedeutet: ruhig, langweilig, schläfrig, entspannt, unaufmerksam, träge usw.

Lust bedeutet: zufrieden, glücklich, sich gut fühlen, vergnügt, befriedigt usw.

Unlust bedeutet: verärgert, unbefriedigt, melancholisch, unglücklich,sich schlecht fühlen usw.

Dominanz bedeutet: einflussreich, unbehindert, wichtig, die Situation unter Kontrolle haben usw..

Unterwerfung bedeutet: eingeschüchtert, gegängelt, behandelt werden, etwas tun müssen usw.

Diese drei Dimensionen stellen ein Grundmuster dar, mit dem die entstehenden Gefühle beschrieben werden können.

 

Ein Beispiel:
Starke Erregung und starke Unlust, verbunden mit einem Dominanz
gefühl, erzeugen Wut. Verändere ich die räumliche Umwelt so, dass ein starkes Gefühl von Unterwerfung entsteht, erzeugt der Raum Angst. Der Raum verursacht bei uns ein Gefühl, das eine Kombination von

Erregung, Lust und Dominanz ist.

Diese Gefühlsreaktionen veranlassen uns, Räume zu meiden oder uns ihnen zu nähern, Verhalten zu zeigen oder es zu unterlassen. Natürlich spielen auch noch weitere Einflüsse eine Rolle (Gedanken, Motive, Gewohnheiten usw.). Für unsere Frage, wie sich Räume auswirken, genügt uns diese Unterscheidung erst einmal.

Von den drei Gefühlsdimensionen steht die Erregung in einer besonders engen Beziehung zum räumlichen Angebot. Je größer das Reizvolumen der Räumlichkeit ist, desto höher ist die Erregung bei den Menschen. Wenn wir einen Raum vorfinden, der nicht eindeutig Lust betont oder Lust unbetont ist, werden wir ihn bei niedriger Erregung meiden, bei mäßiger Erregung aufsuchen und bei höherer Erregung meiden. Situationen, die Lust erzeugen, werden stärker aufgesucht Situationen, die Unlust erzeugen, werden stärker gemieden.

Natürlich gibt es auch individuelle Unterschiede. So gibt es Menschen, die sich von der räumlichen Umwelt stärker abschirmen als andere. „Nichtabschirmer“ erleben Räume als komplexer und reizstärker. „Abschirmer“ konzentrieren sich eher auf Teilaspekte, sortieren weniger relevante Aspekte vorher aus. „Nichtabschirmer“ sind also empfindlicher und reagieren stärker. Sie ermüden auch schneller.

Wenn es uns gelingt, Räume so zu gestalten, dass die Kinder das aufsie einwirkende Reizvolumen eigenständig verändern können, haben wir einen positiven Effekt erzielt. Kinder steuern dann ihre Erregung oft so, dass sie um eine mäßige bis mittlere Erregung pendelt, mit Spitzen nach oben und ruhigeren Zeiten zur Entspannung nach unten. Dieses Pendeln um ein Erregungsmittelmaß wird von vielen Menschen als angenehm empfunden. Da wir das für jeden einzelnen Mitmenschen nicht systematisch planen und vorbereiten können, sollten wir durch unsere Raumgestaltung dem Einzelnen die Wahl – Freiheit dazu geben.

Als pädagogisch handelnde Menschen dürfen wir den Mittelpunkt unserer Bemühungen nicht aus den Augen verlieren – die Kinder.

Kinder erleben ihre Umwelt anders als Erwachsene. Wenn ich mit meiner kleinen Tochter spazieren gehe (stehe), bemerkt sie andere Dinge als ich. Sie würde das, was wir da tun, auch nicht spazieren gehen nennen, sie nennt es „Taita“. Ich bin sicher, daß dieses „Taita“ etwas benennt, was ich selbst nicht mehr erleben und denken kann.
Mein erster und einziger Tag als Kind im Kindergarten endete mit

erheblichen Geschrei. Der laut geäußerte Unmut und die Tatsache, dass mir ein Riesenkind (wahrscheinlich 5-jährig) eine schwarze Lokomotive mit roten Rändern aus der Hand genommen hatte, sind meine einzigen Erinnerungen an den Kindergarten.

Kinder sind anders als Erwachsene. Unsere Sichtweise und Raumwahrnehmung ist in einigen Bereichen nicht vergleichbar. Hier einige Thesen, die für die Raumgestaltung wichtige Folgen haben:

Kinder neigen zur handelnden Auseinandersetzungen mit ihrer Umgebung. Wenn sie etwas „begreifen“, hat dies viel mit körperlicher Aktivität zu tun.

 

Dekorative Elemente der Raumausstattung stehen für Kinder eher im Hintergrund. Bewegungsanregungen und Experimentierräume werden sehr wichtig.

 

Kinder sind offener, weniger festgelegt. Vieles ist für sie neuartig, unbekannt und interessant. Wahrscheinlich gibt es unter ihnen mehr leicht erregbare „Nichtabschirmer“.

Kinder brauchen räumliche Gelegenheiten, ihre Erregung und Entspannung selbst zu regulieren.

 

Diese beiden Grundforderungen sind leicht zu formulieren. Sie werden kaum bestritten, sind pädagogische Allgemeinplätze. Die Realität in unserer Kindergärten, Tagesstätten, Jugendzentren und Schulen sieht jedoch oft anders aus.

 

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Über Wolfgang Bort

Mitarbeiter der Spielwerkstatt Rhinozeros betreibt im Essener Unperfekthaus eine Kinder Kultur Werkstatt
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